Villa Wolf



Da ich die Absicht habe, mir in absehbarer Zeit ein schönes Wohnhaus zu bauen [...], so läge es vielleicht in beiderseitigem Interesse, eine Zusammenarbeit zu verabreden.



Erich Wolf an Ludwig Mies van der Rohe

am 26. Januar 1925

Vorgeschichte


Die Villa Wolf ist das moderne Erstlingswerk Ludwig Mies van der Rohes (1886 – 1969). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Architekt vorwiegend Häuser für wohlhabende Bürger im neoklassizistischen Stil gebaut. Das Ende des ersten Weltkrieges markierte für Deutschland eine politische aber auch kulturelle Revolution, und Berlin wurde in dessen Verlauf zu einem Weltzentrum künstlerischer Avantgarde. Es ging um nicht weniger als die Schaffung einer neuen Gesellschaft und eines neuen Menschen. 1919 hatte sich Mies van der Rohe erfolglos zur Teilnahme an Walter Gropius’ „Ausstellung für unbekannte Architekten“ beworben. Sein Entwurf für die Villa Kröller-Müller war dem frisch gekürten ersten Direktor des Bauhauses offenbar nicht modern genug. In der Folgezeit schloss sich van der Rohe der Novembergruppe an, einem Zirkel radikaler Künstler. Er verfasste Artikel für die „Zeitschrift für elementare Gestaltung“ („Zeitschrift G“). 1923 wurde van der Rohe in den Bund deutscher Architekten (BDA) aufgenommen. Zusammen mit anderen progressiven Mitgliedern führte er heftige Auseinandersetzungen mit eher traditionell orientierten Architekten. 1926 kündigte er schließlich seine Mitgliedschaft im BDA und wurde 1924 Mitglied im Deutschen Werkbund, 1926 dessen Vizepräsident.


Vor diesem Hintergrund muss der Bau der „Urvilla der Moderne“ (Florian Mausbach) verstanden werden: 1925 erhielt Mies van der Rohe von dem Tuchfabrikanten Erich Wolf den Auftrag zum Bau einer repräsentativen Villa, die auch seine umfangreiche Kunstsammlung beherbergen sollte. Wolf hatte durch Heirat mit Elisabeth Wilke, einer Hutfabrik-Erbin, seinen Wohlstand noch deutlich vermehrt, so dass Geld keine Rolle spielte. Das Baugrundstück lag oberhalb der Lausitzer Neiße. Dazwischen befand sich ein Weinberg. Van der Rohes Entwurf bestand aus einem System ineinander geschachtelter Backsteinkuben, die sich flussseitig mittels großer Fenster und verglaster Türen zu einer Terrasse öffneten. Von dort überblickte man den Fluss und die auf der anderen Seite gelegenen Industriebauten. Die drei großen Räume dieses Gebäudeabschnittes sind streng nach dem Prinzip des fließenden Raumes gegliedert und in einer diagonal lesbaren Raumfolge angeordnet. Hier konnten Teile der Wolfschen Kunstsammlung repräsentativ ausgestellt werden. Der Großteil befand sich aber in einer eigens dafür angelegten Schatzkammer im Kellergeschoss des Gebäudes.

   

DIE VILLA WOLF - EIN WEGWEISENDER,

ABER WEITGEHEND VERGESSENER

MEILENSTEIN MODERNER ARCHITEKTUR


Ein schlichtes und schnörkelloses Erscheinungsbild, ineinander geschachtelte Backsteinkuben und erste Ansätze vom Prinzip des fließenden Raumes: die Villa Wolf bot Vieles, was sie zu einem berühmten Bauwerk hätte machen können.

Doch die kurz darauf geschaffenen Gebäude Mies van der Rohes, allen voran der Barcelona Pavillon und die Villa Tugendhat rückten in den Vordergrund des öffentlichen Interesses, und aufgrund der schlechten Dokumentationslage sowie ihrer kurzen Lebensdauer geriet die Villa Wolf bald in Vergessenheit.


Abbildung: Erdgeschoss-Grundriss der Villa Wolf (Museum of Modern Art, New York Object number MR30.15; https://www.moma.org)

Vertreibung

Erich und Elisabeth Wolf konnten ihr Haus leider nur 19 Jahre lang bewohnen, da sie 1945 vor der einrückenden Roten Armee fliehen mussten. Das Haus wurde komplett niedergebrannt, die Kunstsammlung zerstört bzw. verschleppt. Die nach dem Brand erhaltenen Baumaterialien wurden zum Wiederaufbau anderer Gebäude in Gubin verwendet. Heute befindet sich auf dem Grundstück ein Park und eine Gedenkstätte.


Abbildung: Villa Wolf in Guben, Auffahrt mit Eingang, um 1930 (Archiv Familie Wolf)

Der Wert historischer Denkmäler besteht weniger im Alter ihres Baumaterials als vielmehr im Fortbestand der Ideen, die sie verkörpern. Eine identische Rekonstruktion mit übereinstimmenden Materialien, Formen und Techniken, deren man sich ursprünglich bediente, hat einen höheren Wert als ein ruinenhaftes Original.


Léon Krier

Auf dem Weg zur Rekonstruktion ...


Der geplante Wiederaufbau der Villa Wolf ist weit mehr als ein rekonstruktives Vorhaben – er ist das gemeinsame Bestreben unterschiedlichster Interessengruppen, ein zentrales Werk der architektonischen Moderne wieder sichtbar, erfahrbar und diskutierbar zu machen.


Seit vielen Jahren engagieren sich zahlreiche Akteure mit großer Leidenschaft dafür, dieses frühe Hauptwerk Ludwig Mies van der Rohes an seinem historischen Ort zu rekonstruieren.


Unterstützt wird die Initiative von international renommierten Architekten und Architekturhistorikern wie Dirk Lohan, Phyllis Lambert, Dietrich Neumann, Florian Mausbach und anderen. Auch aus Politik, Kultur und Denkmalpflege erfährt das Projekt breite und kontinuierliche Unterstützung.



Wissenschaftliche Analysen


Die Vision eines Wiederaufbaus ruht auf einer außergewöhnlich soliden wissenschaftlichen Grundlage. Bereits ab 2001 wurden auf Initiative der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land unter der Leitung von Lars Scharnholz (BTU Cottbus) die Fundamente der Villa freigelegt und in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art in New York präzise vermessen.


2006 machte in Gubin eine mobile „Mies-Memory-Box“ – ein halbtransparenter Kubus von drei Metern Kantenlänge – mit historischen Fotografien und originalen Porzellanscherben aus der Sammlung Wolf die verlorene Architektur wieder greifbar und weckte neues öffentliches Interesse.

Ein Kunstschatz in Scherben ...

Erich und Elisabeth Wolf waren sehr kunstsinnig und führten ein kultiviertes Gesellschaftsleben. Erich Wolf war Mitglied im Berliner Verein »Freunde der Nationalgalerie«. Paul Otto Rave, der damalige Direktor der Nationalgalerie schrieb über ihn: "Unter den Mitgliedern des Vereins »Freunde der National-Galerie« befindet sich ein Tuchfabrikant aus Guben, der eine recht beachtliche Kunst-Sammlung besitzt, die ich kenne und schätze. Auch gilt er als einer der besten Kenner von europäischem Porzellan, seine Porzellansammlung steht in Deutschland mit an der Spitze." (Scharnholz, 2021, S. 29, in D. Neumann: Ludwig Mies van Rohe. Villa Wolf in Gubin. Geschichte und Rekonstruktion). Diese exquisite Porzellansammlung wurde am Ende des Krieges leider vollständig zerstört. Bei der Ausgrabung 2001 wurde zahlreiche Scherben der Sammlung sichergestellt, die sich zum Teil noch heute zuordnen lassen. Der markante Fischkopf auf der Scherbe im oberen Bildbereich stammt von einem Jugendstil-Zierteller der Porzellanmanufaktur Nymphenburg 1747 aus der Serie "belle epoque", entworfen 1899 von Herrmann Gradl (d. Ä.). Erstmalig präsentiert wurde das Service auf der Pariser Weltausstellung von 1900. Dort wurde es als eines der gelungensten Beispiele des floralen Jugendstils mit dem „Grand Prix“ prämiert. Die Serie ist noch heute im Sortiment der Manufaktur erhältlich. Die Scherben im Bild lassen sich mindestens vier Tellermotiven dieser Serie zuordnen, die alleine schon einen heutigen Neuwert von über 10.000 Euro hätten.

Credit: Porzellan Manufaktur Nymphenburg

Archäologische Grabung 2021



Einen weiteren Meilenstein bildete die umfassende archäologische Grabung im Jahr 2021, die von der Stadt Gubin durch das Archäologische Museum Mittleres Oderland Swidnica veranlasst wurde. Geleitet wurde die Ausgrabung von Annegret Burg und Ivan Brambilla von der FH Potsdam, bei der insbesondere der Aufbau des Kellers und selbst die exakten Formate der Ziegelsteine detailliert untersucht wurden. Vorher musste das Gelände aber noch durch Spezialkräfte der polnischen Armee auf Kampfmittel untersucht werden

Mittlerweile wurde das gesamte Geländes der Villa Wolf inklusive des Hanges durch die Denkmalbehörde in Zielona Gora (Grünberg) unter Denkmalschutz gestellt.

All diese Anstrengungen zeigen: Die Villa Wolf ist kein fernes Ideal, sondern ein realisierbares Projekt, getragen von Fachwissen, internationalem Engagement und der Überzeugung, dass Architekturgeschichte lebendig bleiben muss. Der Wiederaufbau bietet die seltene Chance, einen verlorenen Ort der Moderne gemeinsam neu zu denken. Architekturinteressierte, Forschende, Studierende und Engagierte sind eingeladen, sich dieser Initiative anzuschließen und Teil eines Projekts zu werden, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Architektur miteinander verbindet


Abbildung: Grabungsarbeiten, Villa Wolf, Gubin, 2021 © INIK GmbH